Das griechische Theater in Syrakus ist eines der schönsten und größten der Antike und gleicht einer riesigen, in den Himmel ragenden, versteinerten Muschel; jedes zweite Jahr zwischen Mai und Juni bevölkern Besuchermengen aller Nationalitäten die weitläufigen Stufen, um die klassischen Theateraufführungen mitzuerleben und lassen so eine tausendjährige, zugleich sakrale wie weltliche Tradition wieder aufleben; diese entspringt der klaren und optimistischen Gedankenwelt der Griechen. Die zentralen Fragen des Leben, die schon in den Tragödien eines Aischylos, Sophokles und Euripides gestellt wurden, sind auch heute noch aktuell. Der Sonnenuntergang als Kulisse, eine perfekte Akustik und die Faszination, die das Theater in der bewaldeten, ruhigen Umgebung ausstrahlt, schaffen eine unbeschreibliche Atmosphäre. Im 5. Jahrhundert v Chr. war Syrakus die wichtigste und einflußreichste griechische Siedlung auf Sizilien. Heute ist Syrakus ein sonniges Städtchen, mit einem kleinen, eleganten historischem Kern auf der Insel Ortygia. Der neue, moderne Teil der Stadt liegt auf dem Festland, eingebettet in eine malerische Naturlandschaft, vorgelagert dem azurblauen, glitzernden Meer. Das archäologische Museum Paolo Orsi (eines der bedeutendsten und größten der Welt), die Galerie im Palazzo Bellomo, der Arethusa-Brunnen mit seinen mythologischen Figuren und die mittelalterlichen und barocken Kirchen und Palazzi beeindrucken jeden Besucher; Naturliebhaber sollten auf keinen Fall einen Bootsausflug auf dem Fluß Ciane bis zur Mündung versäumen, vorbei an den einzigen wildwachsenden ägyptischen Papyrus-Stauden Europas.


Von Syrakus aus starten 2 Bootsexkursionen zu den Naturparks des Valle dell Anapo und Cava Grande del Cassibile, zwei Flußtäler mit bezaubernder Landschaft. Der Anapo entspringt im Lauro, dem höchsten der Iblei Berge und fließt durch Pappel-, Weiden und Ulmenwälder, tief eingegraben in einer Schlucht, an deren Hängen sich die Grabstätten von Pantalica befinden (5000 Höhlengräber). Heute sammeln an den bewachsenen Hängen Bienen den Blütennektar für ihren Honig.


Der Cassibfe hingegen entspringt in der sogenannten Cava Grande, einer tiefen Felsspalte in weißem -Kalkgestein; inmitten von riesigen orientalischen Platanen; auch in dieser Felsspalte fand man Grabstätten. Nur unweit entfernt liegt Palazzolo Acreide, das wegen der Ausgrabung eines kleinen, in perfektem Zustand erhaltenen Theaters aus dem 3. Jahrhundert v Chr., zweier Latomien (Steinbrüche, die als Gefängnis dienten) und der Göttin Kybele gewidmeten Steinskulpturen, einen Abstecher wert ist. Ebenso sehenswürdig ist das Hausmuseum Antonino Uccello, das auf einzigartige Weise das Ambiente eines Bauernhauses des 19. Jahrhunderts wiedergibt und dem Besucher die damalige Atmosphäre anschaulich vermittelt. Weiter nördlich entlang der Küste, gelangt man zu den Ausgrabungen von Thapsos und Megara Hyblaea. Thapsos war ein wichtiger Handelsplatz in der Bronzezeit und Megara Hyblaea eine der ältesten griechischen Siedlungen in Sizilien. Wenige Kilometer entfernt, befindet sich die vornehme, vom Hohenstaufer König Friedrich Il gegründete Stadt Augusta. Die dortigen Raffinerien stellen einen harten Kontrast zu den Bauten der Antike dar. Der Zusammenprall von Archäologie und Industrialisierung läßt keinen Besucher unberührt. Auf dem Weg von der Küste Richtung Landesinnere durchquert man sanfte Kulturlandschaften mit Mandel- und Olivenhainen, von der Ebene um Catania mit ihrem südländischen Charakter bis mitten in die Ibleischen Berge. Lentini liegt an einem großen See und birgt die Reste einer antiken chalkydischen Siedlung, der Heimat des Philosophen Gorgia; ein bißchen höher, auf einem Hügel gegenüber des Ätna gelegen, erstreckt sich Carlentini, das 1551 vom spanischen Vizekönig.Giovanni Verga gegründet wurde, um die Bewohner, von Lentini aus dem ungesunden Klima der tiefergelegenen Sümpfe heraus zu holen. In Militello kann man die Chiesa Madre, eine Kirche mit einem Treppenaufgang aus Lavagestein und die Wallfahrtskirche Maria Santissima della Stella besichtigen, wo ein Altarbild aus Terracotta von Andrea und Luca Della Robbia und Skulpturen von Emilio Greco aufbewahrt werden. Noch ein bißchen weiter erhebt sich Vizzini, der ehemalige Wohnsitz der Familie Giovanni Vergas aus dem 18. Jahrhundert, Mineo, die Geburtsstadt von Luigi Capuana, und schließlich Grammichele, das von dem Erdbeben 1693 vollkommen zerstört und nach Plänen von Carlo Maria Carafa Branciforti, Prinz von Butera, wieder aufgebaut wurde: sein berühmtes sechseckiges Stadtkonzept, eine Anlehnung an die sternförmigen Renaissancemodelle fand in allen Handbüchern der Architekturgeschichte Anerkennung. Fährt man weiter gegen das afrikanische Meer in Richtung der großen Städte Vittoria, Comiso und Ragusa sollte man nicht auf einen Besuch in Chiaramonte Gulfi verzichten: abgesehen von einem atemberaubenden Panoramablick von der Villa Umberto 1 aus, wird der Besuch auch für Liebhaber der feinen Küche zum unvergesslichen Erlebnis beim Genuß von exquisiten Fleisch- und Käsesorten, die ihr besonderes Aroma den Weiden der Ibleischen Berge verdanken. Die Spezialität von Chiaramonte ist aber auf verschiedenste Weise zubereitetes Schweinefleisch. Ein Restaurant wirbt sogar mit dem Satz: "Hier wird das Schwein verherrlicht."

Noch etwas weiter taucht am Horizont das "grüne Gold" von Vittoria auf: Die vielen Glashäuser, die bereits im Januar Obst und Gemüse von höchster Qualität für die Märkte in ganz Europa liefern und der daraus resultierende Wohlstand haben das Bild dieses äußersten Fleckchens sizilianischer Erde in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Der Ippari, ein vom Dichter Pindaro vielzitierter Fluß, schlängelt sich durch die halle dell'Ippari, die von Vittoria zum Naturpark Pino di Aleppo, führt, wo man eine üppig gedeihende Pinienart bewundern kann. An der Flußmündung erhebt sich die antike, von den Korinthern im 6. Jahrhundert v Chr. gegründete Stadt Camarina.



Jüngste Ausgrabungen haben spektakuläre Architekturreste freigelegt, während kleinere Fundstücke im angrenzenden Museum aufbewahrt werden und zu einem Rundgang durch die interessante Geschichte dieser Stadt einladen. Besonders lohnend ist die Besichtigung der Kirche S. Croce Camerina, die inmitten von Wein- und Olivenhainen steht. Die malerischen Strände von Punta Secca laden genauso zu Ausflügen ein wie das Castello di Donnafugata (mit seiner großen Bildergalerie). Wir nähern uns nun den größeren Städten im Herzen der Provinz von Ragusa, die, nur wenig entfernt voneinander, allesamt architektonische Meisterwerke sind und ebenso wie die von den meisten Reiseführern zu unrecht mißachteten Landschaften, den Reisenden bezaubern. Jetzt wollen wir uns dem Barock Siziliens widmen, das Spätbarock des 18. Jahrhunderts, das sich nach dem Erdbeben von 1693, als 25 ostsizilianische Städte dem Erdboden gleichgemacht wurden, durchsetzte. Es ist dieser prunkvolle, üppige, überschäumende Baustil, der Sizilien den anderen berühmten europäischen Barockzentren mindestens ebenbürtig macht. Comiso, die Geburtsstadt von Gesualdo Bufahno, einem der großen zeitgenössischen, erst kürzlich verstorbenen Schriftsteller Siziliens, war in den 80iger Jahren weltweit wegen eines Nato-Stützpunktes in aller Munde.


Comiso glich damals einem Pulverfaß: pazifistische Versammlungen, Demonstrationen und Straßenschlachten waren an der Tagesordnung und machten Comiso zum Symbol des internationalen Pazifismus. Nachdem der Stützpunkt abgerüstet wurde und somit der Stein des Anstoßes entfernt war, ist Cmiso in den letzten Jahren als Ort der Solidarität und Zufluchtsort für 5.000 Kosovo Flüchtlinge in die Geschichte eingegangen. Es ist nicht allgemein bekannt, daß Comiso einen antiken Stadtkern hat, reich an noblen Palazzi, wie dem Palazzo lacono-Ciarcià und dem Castello dei Naselli d'Aragona, Kirchen, wie der Chiesa Madre, und San Biagio, die wegen des Glockenturms aus bunter Majolika berühmt ist, oder San Francesco mit Werken von Antonello Gagini.


Von Comiso aus führt ein pittoresker Weg entlang des lppari Flusses durch blühende, gepflegte Landschaft mit majestätischen Johannisbrotbäumen und für diese Region typische kleine Steinmauern, Bauernhöfen und größeren landwirtschaftlichen Anlagen, wo bis vor kurzem bzw. teilweise auch heute noch das Leben dem Rhythmus der Jahreszeiten angepaßt, abläuft. Ragusa, die Provinzhauptstadt, ist eine größtenteils moderne, planmäßig angelegte Stadt, und liegt auf der Anhöhe eines sich in die Tiefe erstreckenden Tales. Von dort hat man einen prachtvollen Blick auf Ragusa Ibla, den antiken Stadtteil von Ragusa; faszinierend, fast surreal kleben die kleinen Häuschen an dem steilen Felshang, verstreut wie Krippenfiguren. Unter den mittelalterlichen Überresten und barocken Prachtbauten befindet sich auch die Kirche delle Anime del Purgatorio, (Kirche der Armen Seelen im Fegefeuer), die Basilika di San Giorgio, deren dreigeteilte, prachtvolle Fassade am Absatz eines beeindruckenden Treppenaufgangs spektakulär emporragt, sowie die Kirche di San Giuseppe. Ragusa ist nicht nur für seine Kunst und für die Landschaft berühmt, sondern auch für die noch heute gelebte Tradition des Kunsthandwerks, das hier noch in seiner ursprünglichen Form betrieben wird; die berühmten sizilianischen Eselskarren werden nur noch hier erzeugt und mit Hand kunstvoll bemalt, die Perfektion der Stickerinnen ist berühmt und unter den gastronomischen Spezialitäten ist der Caciocavallo-Käse unübertroffen, der sowohl frisch mit einem Stück Brot als auch in reifem Zustand als Hartkäse gerieben auf der Cavateddi (einer für die Region typischen Nudelart in Muschelform) eine wahre Gaumenfreude ist.


Nur unweit von Ragusa befindet sich Modica: Eine Aufzählung aller sehenswürdigen Bauwerke würde den Rahmen unseres Reiseführers sprengen. Besondere Erwähnung verdient jedoch die Kirche Madre di San Giorgio, "ein majestätisches Gedicht der Steinmetzkunso> und das Museum für Kunst und Völkerkunde. Hier sind die verschiedenen Aspekte des Arbeits- und Alltagslebens der Landbevölkerung in der viel beschriebenen Grafschaft von Modica ausgestellt, eines archaischen, entbehrungsreichen und anstrengenden Lebens, das es heutzutage zum Glück nicht mehr gibt. Allerdings sind mit diesen Entbehrungen auch bestimmte Werte und Fähigkeiten bedauerlicherweise verloren gegangen.


Schon Idrisi, ein arabischer Geograph und Reisender des XII. Jahrhunderts berichtete von dem großen Reichtum der Bewohner von Scicli, das danksei ner geographisch günstigen Lage schon damals ein Handelsplatz und Treffpunkt für Händler und Soldaten war. Scicli, unter den Normannen Königssitz, erlebte bis in die Mitte des 17.Jahrhunderts großen Wohlstand, als eine PestEpidemie die Bevölkerung dahinraffte und 1693 ein Erdbeben die Stadt dem Erboden gleichmachte.

Der Wiederaufbau der Stadt im 18. und den darauf folgenden Jahrhunderten machte aus Sciclo ein Schmuckstück an architektonischer Eleganz mit einer unglaublichen Menge an prachtvollen Bauten. Nicht zuletzt wollen wir noch Noto erwähnen, unangefochtene Hauptstadt des sizilianischen Barock, mit ihren bezaubernden Gässchen, gesäumt von wunderschönen Kirchen und prachtvollen Palazzi aus hellem Kalkstein.

Südlich von Modica, Richtung Capo Passero, der äußersten östlichen Landspitze der Insel, gab eine enge Klamm, die Cava d Ispica vorzeitliche Spuren menschlicher Zivilisation frei. Man fand auch sikuhsche (sizilianische) Grabstätten, Höhlen, christliche Katakomben, byzantinische Überreste und mittelalterliche Spuren.

Noch weiter südlich in der Umgebung von Pachino, erstreckt sich der Naturpark von Pantani di Vendicari, ein landschaftlich wirklich beeindruckender Ort.

Der salzhaltige Sumpf ist ein Paradies für alle Vogel-Beobachter. Hier kann man mit großen Teleobjektiven ausgerüstet Flamingos, Schwäne, Widehopfe und Falken fotografieren. Es ist das Brutgebiet von Reihern und das Jagdgebiet von Eisvögeln.