Zwischen März und April ist das Herz Siziliens eine endlose, grüne Fläche. Im Frühling kräuselt eine leichte Brise die Smaragd-grünen Felder: Soweit das Auge reicht, erstrecken sich sanfte Hügel mit jungem Getreide. Ab und zu bilden die purpurroten Flecken einen farblichen Kontrast. Die Farben sind hier so leuchtend, daß man meinen könnte, sie wären künstlich. Später im Jahr kündigt das tiefe Gelb der reifen Ahren unter dem blauen Himmel im Herzen Siziliens und in den Herzen der Sizilianer den Sommer an. Nach der Ernte ändert sich die Landschaft wieder komplett: Die geometrisch angelegten Grenzen der Landgüter werden sichtbar, nachdem sie durch das üppige Getreide einige Zeit verdeckt waren.


Neben dem Gelb der Stoppelfelder überwiegt jetzt das Schwarz der abgebrannten Felder, die darauf warten, umgeackert zu werden oder das Silbergrau der bereits umgeackerten Felder. Das von der Sommerhitze und vom Feuer verbrannte Land vermittelt einen trübseligen, abgeschiedenen Eindruck, der für manche bedrückend sein kann. Aber so ist das Herz Siziliens.


"Die Natur fasziniert mich immer, auch im brennend heißen Sommer. Ich kann dir nicht sagen, wie stark die Natur, solch ungezähmte Poesie, meine Seele berührt. Mir kommt vor, in lang vergangene Zeiten versetzt zu sein, oder in eine Zeit, in der Menschen nicht mehr existieren oder viel eher gar nie existiert haben. Mein Herz wird von einer geheimnisvollen Angst erfüllt angesichts der ausgedehnten, einsam gelegenen Güter, der mageren Rinderherden, der unruhigen Fohlen, der weit verstreuten Bauernhöfe, angesichts des unbegrenzten Horizonts, des Sonnenaufgangs, der Mittagsstunde und des feierlich traurigen Sonnenuntergangs; sie alle werden nur vom tiefen Rauschen des Windes gegrüßt, von vor Staub erstarrten Disteln, vom weit entfernten, melancholischen Läuten der Kuhglocken und von Viehhirten, die abends, wenn sie ihre Herden heimbegleiten, nach verlorenen Tieren rufen." Diese, vom Schriftsteller Alessio Di Giovanni in "-a Sicilia" im Jahr 1925 beschriebene Landschaft erstreckt sich im Gebiet von Enna und Caltanissetta, von der Mittelmeerküste der Provinz Palermo, von Lercara Friddi (der Ort wurde im 17. Jahrhundert schachbrettartig angelegt) und Alia (pittoresk auf einer felsigen Anhöhe gelegen) bis hin in die Gegend der Küste von Agrigent, von wo man den afrikanischen Kontinent bereits sehen kann. Die gleichmäßig hügelige, sizilianische Landschaft wird hie und da von größeren Anhöhen unterbrochen, auf denen sich Orte und Städte erheben, die teilweise bereits in der Antike ihren Ursprung haben und in geschützter Lage zur Beherrschung des umliegenden Landes errichtet wurden. Das Gebiet wurde ursprünglich vom Volk der Sikuler bewohnt und war durch Jahrhunderte Schauplatz von Machtkämpfen verschiedenster Völker, die die Vorherrschaft über die Insel beanspruchten: Griechen, Römer, Byzantiner, Phönizier, Karthager und Araber, die Normannen, Hohenstaufer, das Haus Anjou, Spanier bis hin zur Herrschaft der Bourbonen, die von Garibaldi mit der Vereinigung Italiens beendet wurde. Der Einfluß des antiken und des arabisch-normannischen Zeitalters haben das Aussehen und die Seele der Städte und Dörfer dieser zentralen Region geprägt. Einflüsse der Klassik, des Christentums und des Islams vermischen sich mit vorhellenistischen Spuren und bilden so eine aufwühlende, faszinierende Atmosphäre.

Enna ist aufgrund seiner Lage, auf dem Bergkamm der Monti Erei, die im Osten das Gebiet begrenzen, aufgrund seiner Geschichte, seiner Landschaft und seiner Kultur der Inbegriff dieses außergewöhnlichen Kulturgemisch. Von Callimaco als "der Nabel Siziliens" genannt, wird es von vielen, als "belvedere" (Aussichtspunkt Siziliens) bezeichnet: ein atemberaubender Panoramablick erstreckt sich bis zum Horizont.



Enna ist die Hauptstadt der höchsten Provinz Italiens und liegt auf einem karstigen, steilen Felshang, der in die Ebene mit dem Castello di Lombardia übergeht. Tatsächlich gab es hier eine Lombarden-Siedlung, deren Spuren man heute noch erkennt. Wenn sich der lombardische Einfluß auch weniger in der Architektur nierdergeschlagen hat, so doch im in dieser Gegend gesprochenen Dialekt: Er ist klar und rein, mit gedeckten Vokalen, harmonisch, musikalisch ohne Singsang. Von Enna aus, dem Mittelpunkt der zu erobernden Insel, teilte ein Sarazenen-Feldherr Sizilien in 3 Täler: das Val Demone, das Val di Noto und das Val di Mazara. Diese Namen werden auch heute noch neben den offiziellen geographischen Bezeich- nungen verwendet. Die Griechen führten in Enna den Demetra-Kult ein, der Göttin der Landwirtschaft und des unendlichen Kreislaufs allen Lebens. Wenige Kilometer weiter, an den grünen Ufern des lago di Pergura siedelte die Mythologie den Raub der Persephone durch Pluto, den Gott der Unterwelt, an. Lesen wir noch einmal die Beschreibung des Sagenortes, die uns Diodorus Siculus, der nur wenige Kilometer vom See in Agira geboren war, überliefert hat: "Der eindeutigste Beweis für die Tatsache, daß der Herzensraub in Sizilien passierte, sei (so sagt man), wie folgt: die Göttinnen hielten sich auf dieser Insel auf, da sie sie ganz besonders liebten. Laut der Sage geschah der Herzensraub auf der Wiese rund um Enna. Hier, i nahe der Stadt, ist die Schönheit der Veilchen und aller anderen Blumen größer als anderswo und macht diesen Ort einer Göttin würdig. Man sagt, daß Jagdhunde wegen des Duftes der dort blühenden Blumen, den Fährten nicht mehr folgen konnten.


Die Wiese, - über die wir sprechen, ist in der Mitte eben und reich an Wasser; an den Rändern jedoch steigt sie an und bildet Anhöhen, die nach allen Seiten steil abfallen. Diese Wiese scheint im Mittelpunkt der Insel zu liegen, weshalb sie von manchen als Nabel Siziliens bezeichnet wird


In der Nähe befinden sich heilige Wälder, umgeben von Sümpfen und einer großen Höhle, von der aus ein unterirdischer Gang Richtung Norden führt. In der Sage kam Pluto aus dieser Höhle mit einem Karren, als er Persephone raubte. Veilchen und andere stark duftende Blumen blühen dort ununterbrochen, entgegen jeder Gesetzmäßigkeit das ganze Jahr hindurch und bieten einen bezaubernden Anblick." Um den Pergusa-See, der seine mystische Aura bewahrt hat, läuft heute eine moderne Autorennstrecke, auf der Frühling bis Herbst eine Vielzahl an Autorennen veranstaltet wird. Gegenüber von Enna, auf einer Anhöhe, liegt das strahlende Calascibetta: Häuser aus rötlichem Stein leuchten in der südlichen Sonne. Im Nord-Osten schlängelt sich ein Weg bis zu den Nebrodi Bergen, vorbei an kleinen Dörfern, die auf den Hügelkuppen hegen, vorbei an Hügeln und Tälern, eines schöner als das andere, jedes mit seiner eigenen Geschichte. Geschichten von Königen, Landherren, Prinzen und Sarazenen, wie im Märchen.


Leonforte (starker Löwe), ein vielsagender Name, ist dank der Großzügigkeit seiner Landesherren, der Prinzen Branciforti, ein reicher Ort. In Assoro steht das Castello dei Valguarnera, in Besitz einer mächtigen Adelsfamilie dieser Gegend. In Gagliano Castelferrato, einem kleinen, ursprünglich arabischen Dorf, treffen wir auf das düstere, uneinnehmbare Castello, das Friedrich II Zuflucht vor einer Palastverschwörung bot. Friedrich II hielt sich über 12 Jahre dort auf und baute das Castello zu einem königlich prunkvollen Palast aus. Centuripe war unter der Römerzeit ein recht bedeutender und reicher Ort, in Nicosia, wo Könige und Imperatoren auf ihren Reisen Station machten, fanden während der Normannenherrschaft Lombarden und Piemonteser Aufnahme. Troina war die erste normannische Diözese in Sizilien und diente als Residenzstadt für König Ruggero und seine Frau Eremberga. Zwischen dem Fluß Salso und dem Dittàino erstreckt sich ein breites, fruchtbares Tal, in dessen Mitte Regalbuto liegt, das den gleichen Namen wie die alte, sehr reiche umliegende Grafschaft trägt.


Im Süden von Enna liegt Aidone auf der Spitze eines Berges. Im dortigen Antiquarium werden die archäologischen Funde aus dem Gebiet um Morgantina ausgestellt, einer uralten und geheimnisumwobenen sikulischen Stadt: Tempel, Heiligtümer, Hallen, öffentliche Gebäude, Geschäftsstraßen, Getreidespeicher, ein Theater und das Villenviertel sind Beweis für die außerordentliche Bedeutung dieser Stadt während der griechischen und römischen Herrschaft.

Kilometer weiter südlich treffen wir auf das wohl bedeutendste romanische Bauwerk in Sizilien, die Villa del Casale in Piazza Armerina, eine der meist besuchten archäologischen Ausgrabungen auf der Insel. Die Villa wurde von einem unbekannten, römischen Grundbesitzer errichtet. Sie besteht aus prunkvollen Räumen, die meisten mit prachtvollen Fußbodenmosaiken. Die Kanalanlage, die Innenhöfe und die Halle, der Eßraum mit den Sitzbänken, Schlafzimmer, Gästezimmer und Privatgemächer sind gut erhalten. Manchem Besucher wird in Piazza Armerina der eigenartige, nordische Dialekt mit lombardischem Einfluß auffallen: Plutia, wie die Stadt damals hieß, war dem Normannenkönig Ruggero treu und wurde zum langjährigen Lagerplatz seiner Soldaten auserwählt (piazza d'armi). Jedes Jahr findet am 13. und 14. August in Piazza Armerina der Palio dei Normanni zu Ehren des beliebten Ruggero statt, des Siegers über die Sarazenen, der "Herr und Kraft Siziliens" genannt wurde. Im Zuge der Befreiung Siziliens von den Mauren nahm Ruggero auch die starke arabische Festung in Caltagirone ein. Tag und Nacht brannten in der Festung die Feuer von Hunderten von Brennöfen, wodurch auch die Bezeichnung "Töpfer-Schloß" entstand. Keine andere sizilianische Region hat eine so lange Keramiktradition mit so vielen verschiedenen Einflüssen (in der Sammlung im Museo della Ceramica gut dokumentiert), die noch heute dank der Handwerkskunst, die das Traditionelle pflegt und gleichzeitig neue und originelle Formen kreiert. Bunte Keramiken verzieren Kirchen, Palazzi, öffentliche Parks und Straßen. Auch die Scala del Monte, die sogenannte " ä scalazza", eine Treppe aus 142 pechschwarzen Lavasteinstufen, ist mit bunten Keramikarbeiten verkleidet. Sie teilt die Stadt (auf drei Hügelkuppen errichtet, mit prachtvollen Palazzi aus dem 17. und 18. Jahrhundert) in zwei Teile und verbindet den Amtssitz der Stadtregierung, den Palazzo Senatorio, mit der Kirche Madre di Santa Maria del Monte, dem Zentrum der klerikalen Macht.


Am 24. Juli wird die " ä scalazza" zur phantastischen Kulisse der Feierlichkeiten zu Ehren des Hl. Jakobs, des Stadtpatrons von Caltagirone. Um genau 21.30 werden 4.000 Papierlampions gleichzeitig angezündet und tauchen die Treppe in strahlenden Glanz.


Der Name der Ortes Caltanissetta kommt wahrscheinlich von "Castello delle donne" (Castello der Frauen), ursprünglich hieß die Stadt Nissa und war die Hauptstadt von Sizilien. In den Konditoreien werden süße Köstlichkeiten noch nach traditionellen Rezepten zubereitet: Cannileri, Cannoli, Sfinci, Pignolata, Vucciddati, Marmurati, Taralli, Bersaglieri und Torrone sind gemeinsam mit dem köstlichen Magenbitter (Amaro) die Spezialität der Konditoren.

Charakteristisch für die Küche dieser Region sind Speisen mit natürlichen Aromen, mit arabischen Gewür zen und einheimische Gemüsen. Die Foglia mari, Gemüsebauer und Kräutersammler sind es auch, die an Karfreitag den 3-Tag, dauernden Passions weg mit der schwarze Christus-Statue au den Schultern beenden Auf den Kuppen de Berge, die das hügelig Gebiet begrenzen, lieg Pietraperzia, desse Name auf vorgriechisch Grabstätten zurück geht, die sich in de Felsen im Süden de Ortes befinden.


In Mazzarino kam man die schönen Palaz zi der alten Familie Branciforti und Lanza besichtigen; Butera ist auf einer alten Festungsanlage zwischen zwei Tälern errichtet worden. Manfred III von Chiaramonte gründete Mussomeli und erbaute das schön Kastell. Auf der Spitze des Berges San Paolino, der das umliegende hügelige Gebiet dominiert, liegt vor dem felsigen Hochgebirge Sutera. Die beiden Orte Cammarata und San Giovanni Gemini sind mittlerweile ineinander gewachsen auf einem steilen Hügel, auf dessen Spitze die Ruin der Familie Banciforti thront. Racalmuto, eine ursprünglich arabische Siedlung, von Leonardo Sciascia al "wirklich außergewöhnlicher Ort" bezeichnet, fasziniert den Besucher mit seine engen Gässchen und Innenhöfen und dem Kastell der Familie Chiaramonte.